Elektrische Strahlkräfte: Autodesigner spielen mit dem Licht

Bei der Studie Renault Trezor bestehen die Rückleuchten aus einem Dutzend Glühfäden, die einzeln von roten Lasern illuminiert werden. Foto: Renault

Stuttgart/Wolfsburg – Wenn Mercedes-Designchef Gorden Wagener seine jüngste Studie Generation EQ startet, kommt Leben in die schwarze Kunststofffront, die er dort montiert hat, wo früher der Kühlergrill war: Als hätte man ein Smartphone hochgefahren, schillert dieses sogenannte Black Panel, imitiert mit blauen Linien den alten Grill, lässt in Weiß einen Mercedes-Stern sichtbar werden und zündet zugleich die LED-Scheinwerfer. Wo es früher vor allem ums Sehen ging, inszeniert Mercedes jetzt fast eine kleine Show aus Licht.

Zebrastreifen gefällig? Die Mercedes-Studie F 015 signalisiert mit einem auf die Straße projizierten Zebrastreifen dem Fußgänger, dass er die Straße ohne Gefahr überqueren kann. Foto: Daimler AG�
Zebrastreifen gefällig? Die Mercedes-Studie F 015 signalisiert mit einem auf die Straße projizierten Zebrastreifen dem Fußgänger, dass er die Straße ohne Gefahr überqueren kann. Foto: Daimler AG

Das liegt augenscheinlich im Trend: Sei es beim großen Geländewagen Ssangyong LIV-2 mit seinem beleuchteten Kühlergrill oder dem Renault Trezor, dessen Rückleuchten aus einem Dutzend Glühfäden bestehen, die einzeln von roten Lasern illuminiert werden und zur Steigerung der Intensität unterschiedlich stark verdreht werden können.

Vor allem aber nutzen Designer den neuen Gestaltungsspielraum bei reinen Elektrofahrzeugen – insbesondere aus zwei Gründen: Weil es erstens technisch endlich möglich wird, die ganze Front zu illuminieren, wenn dahinter kein Motor mehr steckt, der nach Frischluft und Kühlung giert. «Der Elektroantrieb schafft für Designer deutlich größere Freiräume», sagt VW-Kreativchef Klaus Bischoff. Und weil sich zweitens Elektrofahrzeuge irgendwie differenzieren müssen, damit man sie als Boten einer neuen Zeit erkennt und für so cool hält wie ein Smartphone neben einem Handy mit Tasten, sagt der Kölner Designkritiker Paolo Tumminelli.

Wie weit das führen kann, zeigt auch der VW I.D., dessen Scheinwerfer-Augen buchstäblich lebendig werden, wenn das Auto losfährt. Es schaut tatsächlich in die Kurve und ändert seinen Blick mit der Geschwindigkeit, erläutert ein VW-Sprecher. Sobald die Studie in den für 2025 vorgesehenen autonomen Fahrbetrieb wechselt, schalten sich blaue Dioden in den Schürzen an Front und Heck, in den Seitenschwellern und um die dann ausgefahrenen Laserscanner auf dem Dach zu, um auf den Einsatz des Autopiloten hinzuweisen.

Autonome Studien wie der VW I.D. zeigen die führerlose Fahrt mit einem speziellen Lichtszenario an und kommunizieren mit Passanten. �Foto: Volkswagen�
Autonome Studien wie der VW I.D. zeigen die führerlose Fahrt mit einem speziellen Lichtszenario an und kommunizieren mit Passanten. Foto: Volkswagen

Im Hinblick auf das autonome Fahren kommt der Beleuchtung eine große Bedeutung zu. Weniger wegen des Sehens, weil die Sensoren keine Scheinwerfer mehr brauchen. Sondern wegen des Gesehenwerdens, sagt der Experte und spricht von einer wortlosen Kommunikation zwischen dem Auto und den anderen Verkehrsteilnehmern. Die VW-Studie zum Beispiel kann Menschen auf dem Bürgersteig buchstäblich anschauen und ihnen so zu verstehen geben, dass die Elektronik sie «gesehen» hat, erläutert ein Mitarbeiter aus dem Entwicklungsteam.

So groß die Freiheiten sind, so schnell stoßen die Lichtbildner allerdings auch an ihre Grenzen, muss Renault-Designchef Laurens van den Acker einräumen. Auf einer Messe, wo die Autos die ganze Zeit am Strom hängen, mag das kein Problem sein. «Aber wenn wir die ganze Illumination auf der Straße inszenieren würden, geht ruck zuck der Akku in die Knie und die Reichweite in den Keller.»