Sahne zum Bernstein – Teezeit in Ostfriesland

Das Stammhaus von Bünting-Tee steht seit 1806 in Leer. Foto: Bernd F. Meier

Was passiert, wenn man Schlagsahne in den Assamtee gibt? Celia Hübl beobachtet schmunzelnd ihre Gäste. Zunächst passiert nichts. Doch nur Sekunden später breitet sich die Sahne explosionsartig in dem bernsteinfarbenen Getränk aus. «Nun sehen wir die typischen Sahnewölkchen, auf Ostfriesisch auch Wulkje genannt», erklärt Hübl.

Die Kulturwissenschaftlerin leitet das Bünting Teemuseum in Leer und bringt Besuchern die ostfriesische Teekultur nahe. Jeden Dienstagnachmittag versammelt sich ein rundes Dutzend Gäste in dem historischen Haus zur traditionellen Teezeremonie, der Teetied.

Das Teemuseum in Norden befindet sich im Alten Rathaus. Foto: Bernd F. Meier

Die Teezeremonie folgt stets festen Regeln in mehreren Schritten.
Schritt 1: Die Teekanne wird mit heißem Wasser ausgespült und damit angewärmt. Pro Person wird ein Teelöffel Tee, etwa ein Gramm, in die Kanne gegeben. Ein zusätzliches Gramm gilt der Teekanne. Der Aufguss mit dem sprudelnd heißen Wasser soll die Blätter gerade bedecken.
Schritt 2: Drei bis fünf Minuten muss der Tee ziehen, dann wird nachgegossen – so viel, wie Tassen Tee ausgeschenkt werden sollen.
Schritt 3: Beim Einschenken kommt zuerst der helle Kluntje-Kandiszucker in die zierliche Tasse, dann folgt der heiße Tee.
Schritt 4: Nun folgt die Sahne, die sich im Tee wölkchenartig ausbreitet und auf keinen Fall mit dem Löffel verrührt werden darf. «Nur so werden drei Geschmackserlebnisse erlebbar: Der erste Schluck ist mild und sahnig, der Zweite herb durch den Tee, und der Dritte zuckersüß durch das Kluntje», so Hübl.
Celia Hübl zeigt anschaulich, wie viel Tee der Ostfriese pro Jahr trinkt: 3 Kilo Tee ergibt 300 Liter des Getränks. Foto: Bernd F. Meier

Die Teezeit gilt zwischen Leer, Emden, Norden, Aurich und Wittmund als Bestandteil eigenständiger ostfriesischer Kultur. So ist die Teetied zu allen Jahreszeiten fest verankert im familiären Tagesablablauf, morgens zur Frühstückszeit, am späten Vormittag um 11.00 Uhr als sogenanntes Elführtje, in der zweiten Tageshälfte um 14.00, 16.00 sowie 18.30 Uhr zum Abendbrot – oft sogar zur Nacht um etwa 21.00 Uhr. Auch in Unternehmen, Verwaltungen und Handwerksbetrieben zählt die Teetied zum Arbeitsalltag: Tee statt Kaffee.
Explosionsartig breitet sich die Sahnewolke – auf Ostfriesisch Wulkje – im Tee aus. Foto: Bernd F. Meier

Teetied-Zeremonien für Besucher gibt es auch im Ostfriesischen Teemuseum Norden. Mittwochs und samstags führen dort Gerta Endelmann und weitere Museumshelferinnen Touristen in die Geheimnisse der Teekultur ein. Sie können dort sogar einen ostfriesischen Tee-Führerschein machen.