Zu Besuch bei Astrid Lindgren in Stockholm

Astrid Lindgrens Schreibtisch mit Blick auf den Vasapark. Hier tippte sie ihre im Bett geschriebenen Bücher ab und beantwortete Fanpost. Foto: Christoph Driessen/dpa-mag

In Stockholm können Urlauber die alte Wohnung der berühmten Kinderbuchautorin Astrid Lindgren besichtigen. Vieles wirkt wie aus einer anderen Zeit: Die Gläschen im Gewürzregal gibt es heute so nicht mehr zu kaufen. In den übrigen Räumen ist dieses Gefühl noch wesentlich stärker: Man wähnt sich 30, 40, 50 Jahre zurückversetzt. Gleichzeitig machen die Zimmer einen belebten Eindruck, weil hier hin und wieder noch die Tochter und die Enkel von Astrid Lindgren zusammenkommen. Die Wohnung hat dadurch überhaupt nichts Museales.

Friedlich und beschaulich sieht die alte Stockholmer Wohnung von Astrid Lindgren aus. Foto: Saltkråkan/dpa-mag

Das aufschlussreichste Detail ist ein Stück abgewetzter Teppich. Vor ihrem Bett ist der billige braune Belag an einer Stelle komplett ausgetreten. Drei Dinge lassen sich daraus ableiten: Astrid Lindgren lebte sehr lange hier. Sie war ein Gewohnheitsmensch. Und sie war sehr bescheiden – sonst hätte sie den Teppich erneuert.
Esstisch mit aufgeschlagenem Gästebuch. Alles wirkt, als wäre Astrid Lindgren nur eben aufgestanden und käme gleich zurück. Foto: Christoph Driessen/dpa-mag

«Als Astrid 2002 starb, war sich die Familie darüber im Klaren, dass viele Leute gerne sehen würden, wo und wie sie gelebt hat», erzählt Cilla Nergårdh, Sprecherin der Lindgren-Erben. Das Problem war, dass Lindgrens Tochter Karin Nyman – heute ist sie über 80 – den Ort ihrer Kindheit und Jugend nicht in fremde Hände geben wollte. «Schließlich hat die Familie gesagt: „Lasst uns einfach ganz klein anfangen mit Gruppen von maximal zwölf Personen.“» Über eine Website kann man sich anmelden. Und dann eintreten in eine Zeitkapsel.
Astrid Lindgrens Schreibmaschine. Eine elektrische Version oder gar einen Computer besaß sie nie. Foto: Christoph Driessen/dpa-mag

Die Vierzimmerwohnung im ersten Stock des Altbaus Dalagatan 46 liegt im Stockholmer Vasaviertel, Lindgren-Kennern vertraut aus «Karlsson vom Dach». Astrid Lindgren bezog die Wohnung 1941, gemeinsam mit ihrem Mann Sture, ihrem 15 Jahre alten Sohn Lars und ihrer damals 7 Jahre alten Tochter Karin. Mehr als 60 Jahre lebte sie hier, bis zu ihrem Tod 2002 im Alter von 94 Jahren.
Mehr als 60 Jahre lebte Astrid Lindgren in ihrer Stockholmer Wohnung – dort schrieb sie ihre Bücher. Foto: Saltkråkan/dpa-mag

Die Wohnung ist der Entstehungsort all ihrer Bücher. Sie schrieb sie im Bett – ausschließlich morgens. Ein anderes Bett ist ebenfalls legendär: Es steht im Gästezimmer und gehörte einst ihrer Tochter Karin. 1941 musste sie darin eine Lungenentzündung auskurieren, und weil sie sich langweilte, sagte sie zu ihrer Mutter: «Erzähl mir was von Pippi Langstrumpf!» Damit ging es los. Als Astrid Lindgren 1944 im Vasapark ausrutschte, sich den Fuß verstauchte und selbst das Bett hüten musste, begann sie, die Geschichten aufzuschreiben.

Millionen Menschen sind mit den ländlichen Paradiesen Bullerbü, Lönneberga und Birkenlund aufgewachsen – Orten, an denen Kinder noch Kinder sein durften. Sie verbinden den Namen Lindgren vor allem mit ländlicher Idylle. Doch die Autorin selbst hat ihr ganzes langes Erwachsenenleben in der Großstadt verbracht. Mit 18 Jahren verließ sie ihren kleinen Heimatort Vimmerby, weil sie unverheiratet ein Kind erwartete, ging nach Stockholm – und zog dort nie wieder weg.

Ihre Wohnung gibt heute einen Eindruck davon, wie Astrid Lindgren gelebt hat. Aber finden kann man sie nur noch in ihren Büchern.